Afleveringen

  • Früher hat er für vier Euro die Stunde gejobbt. Heute füllt Felix Lobrecht die grössten Hallen mit seiner Comedy, gehört zu den erfolgreichsten Podcastern Deutschlands und schrieb einen Bestseller. Lobrecht provoziert – und bleibt stets glaubwürdig. Denn er kennt auch die Schattenseiten des Lebens.

    Im Dezember wurde Felix Lobrechts Podcast «Gemischtes Hack», den er gemeinsam mit dem Moderator Tommi Schmitt produziert, wieder zum beliebtesten Spotify-Podcast in Deutschland und in der Schweiz gewählt. Es ist der einzige nicht-englische Podcast, der es auch in die weltweiten Top Ten des Streamingdienstes geschafft hat. Die New York Times adelte Felix Lobrecht mit einer Lobeshymne, und er gewann den deutschen Comedy-Preis bereits zweimal. Sein Roman «Sonne und Beton» ist soeben als Graphic Novel erschienen und wird verfilmt. Dabei begann Felix Lobrechts Laufbahn gar nicht rosig: Er flog vom Gymnasium, brach eine Ausbildung ab, jobbte da und dort, bis er als Poetry Slammer Bühnenluft schnupperte und blieb. Barbara Bleisch trifft den Wortakrobaten, der von sich selbst sagt, dass er nie dazugehörte – und vielleicht gerade deshalb der Star der Stunde ist.

  • Die Forderung nach einer Impfpflicht gegen Covid-19 wird immer lauter. Aber darf man Menschen dazu verpflichten, sich gegen den Willen impfen zu lassen? Darüber spricht Yves Bossart mit Andrea Büchler, Rechtsprofessorin und Präsidentin der NEK, und mit Peter Schaber, Professor für Angewandte Ethik.

    In Österreich soll ab Februar eine Impfflicht für alle gelten. Andere Nachbarländer der Schweiz haben bereits eine Impfflicht für bestimmte Berufsgruppen eingeführt. Wird die Schweiz nachziehen? Und wie ist eine allgemeine Impfflicht unter ethischen Gesichtspunkten zu beurteilen? Darf der Staat Menschen dazu verpflichten, sich eine Spritze setzen zu lassen – und wenn ja, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln? Yves Bossart im Gespräch mit Andrea Büchler, Rechtsprofessorin an der Universität Zürich und Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK), und mit Peter Schaber, Professor für Angewandte Ethik an der Universität Zürich.

  • Ist diese Welt in Wahrheit eine Computersimulation? Und die Mitmenschen nur Roboter? Einst reine Gedankenexperimente, erscheinen diese Szenarien heute als reale Möglichkeiten. Zwei preisgekrönte Science-Fiction-Autorinnen diskutieren über die Grenzen und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz.

    Worin besteht der Unterschied zwischen einem menschlichen Bewusstsein und künstlicher Intelligenz? Wird es Maschinen jemals gelingen, Emotionen zu fühlen, autonom zu entscheiden, gar eigenständig zu philosophieren? Oder ging es bei der Entwicklung von KI am Ende gar nicht um Erkenntnis, sondern den Willen zur Macht: die Macht der Wenigen über Viele, die Macht der Wissenschaftler über die Masse? Gar die Macht von Männern über Frauen?

    Diese Fragen stehen im Zentrum zweier preisgekrönter Romane. Martina Clavadetscher erhielt für Ihre KI-Parabel «Die Erfindung des Ungehorsams» 2021 den Schweizer Buchpreis. Raphaela Edelbauer für ihre Science-Fiction-Dystopie «Dave» den österreichischen Buchpreis.

    Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger denken die beiden Philosophinnen und Poetinnen über die alles entscheidende Grenze nach, die den Menschen noch von der Maschine trennt. Und auch darüber, was es für den Alltag bedeuten mag, sollte sie in naher Zukunft endgültig verwischt werden.

  • Der senegalesische Ökonom, Schriftsteller und Musiker Felwine Sarr ist einer der wichtigsten Denker Afrikas. Im Buch «Afrotopia» entwirft er eine Utopie für den Kontinenten. Yves Bossart spricht mit ihm über die Zukunft Afrikas, über die Arroganz des Westens und das schwere Erbe des Kolonialismus.

    Afrika solle aufhören, den Westen nachzuahmen, seine Werte und sein Wirtschaftssystem. Der Kontinent brauche endlich eine eigene Zukunftsvision, ein eigenes, positives Selbstbild. Das fordert der senegalesische Ökonom, Schriftsteller und Musiker Felwine Sarr in seinem Buch «Afrotopia». Sarr glaubt, dass Afrika die Abhängigkeiten und Minderwertigkeitskomplexe überwinden muss, die sich durch den Sklavenhandel und den Kolonialismus etabliert haben und bis heute wirken. Er fordert ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein. Dazu gehört für ihn und seine Mitstreiterin, die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, auch eine umfassende Rückgabe afrikanischen Kulturguts an die ehemaligen Kolonien und ein neues Verständnis von Beziehungen mit wirtschaftlichen Grossmächten wie China.

    Sarr prophezeit auch, Afrika werde in Zukunft das «spirituelle Zentrum der Welt» sein. Aber was heisst das? Wie sehen die alternativen Werte und Wirtschaftsformen aus, von denen Sarr meint, sie würden besser zu den Kulturen Afrikas passen? Und welche politischen Forderungen folgen daraus?

  • Der Zürcher Musiker und Komponist Nik Bärtsch erinnert an einen Mönch. Seine rhythmische Musik hat eine Verbindung zum Zen-Buddhismus ebenso wie zur Kampfkunst Aikido. Rituale und Verzicht sind ihm heilig. Mit Yves Bossart spricht er über die Kunst des Weglassens und den Groove des Lebens.

    Jeden Montag spielt Nik Bärtsch mit seiner international erfolgreichen Band «Ronin» im Zürcher Club «Exil». Seine «Ritual Groove Music» ist eine originäre Mischung aus Jazz, Funk und minimalistischer Musik. Bärtsch spricht auch von «Zen-Funk». Tatsächlich ist seine Musik, ebenso wie seine Lebensphilosophie, stark von der japanischen Kultur geprägt, vom Zen-Buddhismus, aber auch von der Kampfkunst Aikido. Im Gespräch mit Yves Bossart spricht der disziplinierte und reflektierte Künstler über seine Musik und darüber, wie er die Welt sieht und hört. Über den Verzicht, die Stille, das Üben und die Improvisation.

  • Rund 95 Milliarden Schweizerfranken wurden 2020 hierzulande vererbt. Mehr denn je zuvor. Viele finden das ungerecht, weil unverdient. Ausserdem fürchten sie die wachsende Ungleichheit. Doch wem soll gehören, was jemand hinterlässt? Was sagt die Philosophie zum Thema? Ein Streitgespräch.

    Die österreichische Studentin Marlene Engelhorn würde dereinst einen zweistelligen Millionenbetrag erben. Sie will dieses Vermögen aber nicht behalten, denn sie habe dafür nichts geleistet. Die junge Frau engagiert sich für die Initiative «Tax me now», die höhere Vermögens- und Erbschaftssteuern fordert und einen konsequenteren Kampf gegen Steuervermeidung und Steuerhinterziehung.

    Der Autor und Philosoph Ernst-Wilhelm Händler ist ebenfalls vermögend. Er hat sein Erbe klug investiert und immer wieder unternehmerisch riskiert. Er ist der Ansicht, dass Erbschaften keinesfalls vom Staat konfisziert werden dürfen, weil sie Eigentum des Erblassers seien, der selbst bestimmen darf, was nach seinem Tod mit dem Vermögen geschehen soll.

    Philosophieprofessor Stefan Gosepath hingegen fordert eine radikale Umverteilung von Erbschaften, damit unsere Gesellschaft gerechter wird. Die gegenwärtige Ungleichheit ist für ihn ein politisches Pulverfass. Er argumentiert, dass Erben die Chancengleichheit und das Leistungsprinzip verletzt.

    Barbara Bleisch im Streitgespräch um das Recht ums eigene Vermächtnis.

  • Leïla Slimani ist ein wahrer Superstar der Literatur. Die französisch-marokkanische Schriftstellerin und Essayistin bricht mit ihren Büchern gerne Tabus. Yves Bossart spricht mit ihr über menschliche Abgründe, über das Verlangen nach Freiheit und über unser Sexleben als Spiegel der Gesellschaft.

    2017 wollte der französische Präsident Emanuel Macron die Schriftstellerin Leïla Slimani zur Kulturministerin Frankreichs ernennen. Sie hat dankend abgelehnt. Sie wolle lieber schreiben. Denn nur im einsamen Prozess des Schreibens fühlt sich die preisgekrönte Schriftstellerin und zweifache Mutter wirklich frei. Die Sehnsucht nach Freiheit war es auch, die sie mit 17 Jahren von Marokko nach Paris geführt hat. Ihr grosses Vorbild damals war die Existentialistin Simone de Beauvoir, die ihr feministisches Denken bis heute prägt. Slimani bricht gerne Tabus und Stereotypen, etwa wenn sie über weibliche Sexsucht schreibt oder über den Mord einer Nanny an ihren Pflegekindern. Ihr neuestes Buch trägt den Titel «Das Land der Anderen» und beschreibt das Leben ihrer elsässischen Grossmutter im Marokko der 1950-er Jahre, vor dem Hintergrund der politischen Unabhängigkeitskämpfe. Über das Fremde in uns, über wahre Freiheit und die Wurzel des Bösen spricht sie mit Yves Bossart.

  • Manche schweben über dem eigenen Körper. Andere sehen ein helles Licht am Ende eines Tunnels. Immer wieder berichten Menschen von solchen Nahtoderfahrungen. Sind sie blosse Hirngespinste oder ein Fenster ins Jenseits? Yves Bossart und Olivia Röllin gehen dem rätselhaften Phänomen auf die Spur.

    Nahtoderfahrungen sind vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Doch erst seit den 1970er-Jahren werden sie wissenschaftlich erforscht. Heute versucht man sogar, Nahtoderfahrungen und ausserkörperliche Zustände künstlich zu erzeugen. Welche Schlüsse lassen sich aus den Erkenntnissen ziehen? Verraten Nahtoderfahrungen etwas über ein Leben nach dem Tod oder sind sie blosse Illusionen des Gehirns? Wie integriert der Mensch diese rätselhaften Erlebnisse in seinem Weltbild und in seinem Leben?

    Diesen Fragen gehen Yves Bossart und Olivia Röllin in einer Begegnung der «Sternstunde Philosophie» und der «Sternstunde Religion» nach. Yves Bossart spricht mit der Soziologin und Nahtod-Expertin Ina Schmied-Knittel und mit dem Philosophen und Skeptiker Nikil Mukerji. Olivia Röllin trifft den Musiker Bo Katzman, der aufgrund einer Nahtoderfahrung sein Leben verändert hat, und unternimmt an der EPFL in Genf ein wissenschaftliches Selbstexperiment, bei dem eine ausserkörperliche Erfahrung künstlich erzeugt wird.

  • Die Flüchtlingsfrage ist eine zentrale Herausforderung unserer Zeit. Statt mit Abschottung und Abstumpfung zu reagieren, fordert die Philosophin Donatella Di Cesare radikales Umdenken: Eine Welt der Migration kann nur ohne Grenzen, Nationalstaaten und falsche «Wir-Identitäten» friedlich sein.

    «Ich bin eine radikale Philosophin», sagt die italienische Denkerin Donatella Di Cesare von sich selbst. In der Tat fordert die in Rom lehrende Professorin ein grundlegendes Umdenken – insbesondere mit Blick auf die Phänomene der Migration und der Existenz von Nationalstaaten. In der Spur Hannah Arendts diagnostiziert di Cesare in ihrem Werk «Philosophie der Migration» einen grundlegenden, gar tödlichen Widerspruch zwischen den Menschenrechten und der Existenz staatlicher Grenzsouveränität. Sie meint gar, Europa führe derzeit einen «Krieg gegen die Migranten». Stattdessen gelte es, eine neue Kultur «ansässiger Fremder» zu schaffen, in welcher das Recht auf Gastfreundschaft und schützende Aufnahme unbedingt regiert.

    Wie könnte so eine Welt politisch aussehen? Und: Stellt diese offene Welt gerade im globalisierten 21. Jahrhundert den einzigen Weg in ein friedvolles Miteinander dar? Überlebenswichtige Fragen, denen sich Di Cesare im Gespräch mit Wolfram Eilenberger stellt.

  • Er gehört zu den einflussreichsten Philosophen unserer Zeit, seine Arbeit strahlt über den Elfenbeinturm hinaus bis in die Politik: Der Ire Philip Pettit. Ursprünglich Priesteramtskandidat, verliebte er sich in die Schriften von Sartre und entdeckte die Freiheit, um die sein Denken bis heute kreist.

    Am Anfang stand für ihn die Freiheit: Im katholischen Priesterseminar spürte er, dass er sich keinen Fehltritt erlauben durfte und von der Gunst der Vorgesetzten abhing. Als er sich in Sartres Schriften verliebte, war es um ihn geschehen, sagt der gebürtige Ire: Seine Leidenschaft gehörte fortan der Philosophie. Er verliess das Priesterseminar und legte als Philosoph einen beeindruckenden Weg zurück, der in Professuren an den Eliteuniversitäten in Princeton und an der National University Australiens in Canberra gipfelte. Die Freiheit fasziniert ihn bis heute. Mit seiner frühen Erfahrung der Unterwerfung versteht er Freiheit heute in erster Linie als Freiheit von willkürlicher Herrschaft: Wirklich frei ist nur, wer sich selbst gehört. Barbara Bleisch trifft den weltbekannten Philosophen zum Gespräch und fragt nach den politischen Implikationen seines Freiheitsverständnisses, das der ehemalige spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero zum Wahlkampfmotto erhob.

  • Er hat die beiden grossen US-Literaturpreise gewonnen, den Pulitzerpreis sogar zweimal: Colson Whitehead ist der amerikanische Schriftsteller der Stunde. Wolfram Eilenberger spricht mit ihm über die Verantwortung, die damit einhergeht, und darüber, wie uns der Ausweg ins Fantastische retten kann.

    Colson Whiteheads Aufstieg zum Star der amerikanischen Literatur in den letzten Jahren hätte steiler nicht sein können: Neben dem renommierten National Book Award gewinnt er als erster Autor überhaupt mit zwei aufeinanderfolgenden Büchern den Pulitzerpreis für Belletristik. In beiden Romanen erweckt er ein Stück amerikanische Unterdrückungsgeschichte zum Leben. In «Underground Railroad» geht es um ein Netzwerk, das Sklavinnen und Sklaven im 18. und 19. Jahrhundert zur Flucht in den Norden verhilft. In «Die Nickel Boys» schreibt Whitehead über den wahren Fall von Missbrauch an schwarzen Teenagern in einer Reformanstalt der 60er-Jahre. Das Time Magazine widmete ihm daraufhin das Cover und nannte ihn «Americas Storyteller», was im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung nicht nur als Geschichtenerzähler einer Generation, sondern einer ganzen historischen Erfahrung verstanden werden kann. Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger spricht Whitehead darüber, wie er mit dieser extremen Rolle umgeht, über die Kunst, anderen etwas vorzumachen, und warum uns erst Fiktionen wahrhaft befreien, wenn die Realität keinen Ausweg mehr bietet.

  • Der Klimawandel wird zunehmend zum Störfaktor: Wir möchten weiter machen wie bisher, fürchten aber den drohenden Kollaps. Also suchen wir Strategien, Bestehendes zu optimieren. Der Sozialpsychologe und Bestsellerautor Harald Welzer plädiert demgegenüber für eine Kultur des Aufhörens.

    Vor einem guten Jahr erlitt der bekannte Soziologe Harald Welzer einen Herzinfarkt. Das Ereignis hat ihn nicht nur persönlich verändert, sondern auch seine Sicht auf die Gesellschaft. Unser eigentliches Problem ortet er in unserer Weigerung einzusehen, dass wir radikal scheitern könnten – und dass es mit uns und unserem Leben irgendwann vorbei sein wird. Wer dagegen bereit sei, vom Ende auf die Gegenwart zu blicken, gehe anders mit dieser Gegenwart um. Um diesen Blick aufs eigene Leben einzuüben, hat er mit seinem neuesten Buch einen Nachruf auf sich selbst verfasst. Im Sinne eines Nachrufs über uns nachzudenken, helfe uns auch als Gesellschaft, schreibt Welzer: Aus einer imaginierten Zukunft lasse sich die Diktatur der Gegenwart am ehesten brechen. Barbara Bleisch fragt nach, was dieses Denken aus der Zukunft wirklich bringt und warum die Option des Scheiterns verheissungsvoll sein soll.

  • Sternstunde Philosophie
    Sternstunde Philosophie
    50 Jahre Frauenwahlrecht – Demokratie für (fast) alle
    SRF 1
    10:55 - 11:55
    ·
    Sonntag
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    60 Min
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    Schweiz 2021
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    Kultur
    Vor 50 Jahren gestanden die Schweizer auch ihren weiblichen Mitbürgerinnen das Stimm- und Wahlrecht zu. Einer der krassesten Ausschlüsse aus der Schweizer Demokratie kam zu einem Ende. Doch auch heute dürfen nicht alle mitbestimmen. Warum eigentlich?

    Die Schweiz zelebriert sich gern als «Wiege der Demokratie». Die Hälfte der Bevölkerung schloss sie jedoch bis 1971 vom Mitbestimmungsrecht aus. Die Schweiz war damit eines der letzten Länder der Welt, das auch seinen weiblichen Mitbürgerinnen demokratische Rechte zugestand. Der Blick ins Ausland zeigt, dass in vielen Ländern die Frauen anfänglich von der Mitbestimmung ausgeschlossen blieben. Oft erteilte man vor den Frauen den Sklaven, dem Arbeitervolk und den Randständigen das Wahlrecht. Demokratie wurde dabei gern als männliches Unterfangen inklusive Saufgelage inszeniert, weiss die bekannte deutsche Historikerin Hedwig Richter. Patriarchale Ausschlussmechanismen griffen aber weiter, auch nachdem die Frauen das Wahlrecht erhalten hatten, so die Historikerin Fabienne Amlinger. Heute sind es nicht mehr die Frauen, sondern andere Gruppen, die im Vorzimmer der Macht auf Einlass warten, sagt die Politologin Silja Häusermann. Wer darf mitreden in einer Demokratie und wie verschaffen sich Ausgeschlossene Gehör? Barbara Bleisch diskutiert die Fragen mit den drei Expertinnen.

    Eine Wiederholung der Sternstunde Philosophie vom 07.02.2021.

  • Wie helfen in Afghanistan? In Haiti? Oder im Sudan? Als oberste Entwicklungshelferin der Schweiz ist Patricia Danzi täglich mit menschlicher Not konfrontiert. Welche Verantwortung haben reichere Nationen in einer Welt eskalierender Krisen? Und wie lässt sich ihr gerecht werden?

    Von Krisensituationen sind vor allem die Schwächsten betroffen. Das gilt für Pandemien ebenso wie für Umweltkatastrophen, Bürgerkriege oder Terrorregime. Seit Jahrzehnten ist die ehemalige Weltklasseleichtathletin Patricia Danzi in Sachen humanitärer Hilfe an vorderster Front tätig. So im einstigen Bürgerkriegsland Jugoslawien, im Sudan oder Kongo – wie auch in Afghanistan.

    Welchen Prinzipen muss Hilfe vor Ort folgen? Was ist im Dialog mit Diktatoren und Despot:innen besonders zu beachten? Wer oder was hilft, Traumata zu überwinden? Und könnte es gar sein, dass Einsätze «des Westens» am Ende mehr schaden als nutzen? Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger legt Patricia Danzi, die neue Leiterin der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, ihre Leitvision gelingender Hilfe in einer Welt dar, deren Notlagen sich zu überschlagen scheinen.

  • Die Lust hat es gerade schwer: Die Pandemie zwingt zu Distanz, es dominieren die nüchternen Fakten, wer lustvoll fabuliert, macht sich der Verschwörung verdächtig. Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann preist demgegenüber die Kraft der Fiktion und das lustvolle Leben. Barbara Bleisch hakt nach.

    «Alle Lust will Ewigkeit» lautet eine berühmte Zeile aus Friedrich Nietzsches genialem Werk «Also sprach Zarathustra». Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann widmet dieser Zeile und dem menschlichen Sehnen und Sein ein ganzes Buch. Entstanden ist ein Plädoyer für die Lust, die notabene ohne Schmerz nicht zu haben ist. Liessmann plädiert auch für die Lust am Fabulieren, die uns abhanden zu kommen droht, weil die einzige Währung unserer Zeit Fakten, Daten und Statistiken sind. Doch für Liessmann liegt die Wahrheit nicht nur in der Vernunft, sondern ebenso in der Fiktion, die ihre eigene Wahrheit kennt. Barbara Bleisch fragt den umtriebigen Wiener Philosophen, ob wir uns in Zeiten von Fake News das Lob der Fiktion wirklich leisten können, ob die leidenschaftslose Seelenruhe der Epikureer das Leben tatsächlich nur öde macht und was es mit Liessmanns Lust am Rennradfahren auf sich hat.

  • Immer mehr sprechen sich gegen Eigentum aus: Würden wir nicht haben, sondern teilen, würden wir Ressourcen sparen und dem, was wir gemeinsam besitzen, mehr Sorge tragen. Doch besagt nicht das Problem der Allmende, dass das, was keinem gehört, bald verlottert, weil sich keiner dafür zuständig fühlt?

    Die Wogen gingen hoch, als bekannt wurde, dass das Grundstück des Tennisspielers Roger Federer bis ans Seeufer reichen soll und der Öffentlichkeit der Zugang zum See nicht mehr möglich sein würde. Gehört der See nicht allen? Ähnlich die Frage, wem der Boden in den Zentren gehört: Den Reichen, die sich das Wohnen in den Grossstädten noch leisten können? Dem Rest bleibt dann die Agglomeration. In Berlin haben Aktivistinnen und Aktivisten aus genau diesem Grund ein Volksbegehren gestartet, um Wohnungskonzerne zu enteignen.

    Die Philosophie hatte immer ein ambivalentes Verhältnis zum Eigentum: Für die einen sind Eigentumsrechte der Kern unserer Freiheit. Für die anderen läuten sie das Ende jeden Gemeinwohls ein. Eigentum – Wurzel allen Übels? Oder der Königsweg in die Freiheit? Lässt sich Eigentum überhaupt vernünftig begründen?

    Am Philosophischen Stammtisch diskutieren Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger mit der Philosophin Eva von Redecker, die mit ihrem Buch «Revolution für das Leben» Eigentum neu denken will, und mit dem Philosophieprofessor Francis Cheneval, der unter anderem als Sonderbeauftragter für «Property Rights» bei der UNO tätig war und sagt: Eigentumsrechte sind für die Entwicklung einer Gesellschaft zentral.

  • Vor zehn Jahren ereignete sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Wie sollen wir heute mit Risiken umgehen? Bei der Energieversorgung, beim Impfen, bei der Digitalisierung? Yves Bossart spricht mit der Philosophin Rafaela Hillerbrand über die Tücken der Technik und die Ethik der Risiken.

    Fukushima hat vor zehn Jahren die Welt erschüttert. Die Kernkraftwerke aber sind nicht verschwunden. Denn auch alternative Energiequellen haben ihre Tücken. Wie also müsste eine Ethik der Energiewende aussehen? Was sagt die Philosophie zum Umgang mit Unsicherheit? Wie sollen wir handeln, wenn wir die Folgen nicht kennen? Wie können wir Risiken einschätzen? Darüber spricht Yves Bossart mit der promovierten Physikerin und Philosophin Rafaela Hillerbrand. Sie ist Professorin für Wissenschaftsphilosophie und Technikethik am weltweit führenden Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe.

  • Wir alle kennen und verdrängen sie: Die Wut. Von Kindsbeinen an lernen wir, Zorn und Groll in Schach zu halten. Mit fatalen Folgen, meint Gerichtspsychiaterin Heidi Kastner: Verschaffen wir der Wut im richtigen Moment Luft, wäre unsere Welt nicht nur friedlicher, sondern vielleicht auch gerechter.

    Wer die sozialen Medien durchstöbert, begegnet ihr überall: Der blinden Wut. Die Leute beschimpfen sich, pöbeln, regen sich masslos auf. Woher kommt diese Wut und wie ist ihr zu begegnen? Die Psychiaterin Heidi Kastner schreibt seit vielen Jahren Gerichtsgutachten in Gewaltdelikten. Sie sass Mördern, Vergewaltigern und Straftäterinnen gegenüber. Zu ihren bekanntesten Fällen gehört Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre im Keller gefangen hielt und acht Kinder mit ihr zeugte. Das Fazit der Neurologin und Psychiaterin: Wut tut gut, wenn wir lernen, ihr früh genug Luft zu verschaffen. Denn Wut weist uns auf Unrecht hin und gibt uns die nötige Schubkraft, Hürden zu überwinden. Doch was heisst das für den Wutbürger, was für die Hassnachrichten im Netz? Lässt sich auch diese Wut produktiv nutzen und falls ja, wie?

    Barbara Bleisch erkundet mit Heidi Kastner unsere inneren Vulkanlandschaften auf der Suche nach einer positiven Version von Wut und Zorn.

    UT

  • Welche Philosophie steckt hinter Google, Facebook und Amazon? Es sind Intellektuelle wie Ayn Rand, Marshall McLuhan oder René Girard, auf die sich Tech-Ikonen des Silicon Valley gerne berufen. Der Literaturwissenschaftler Adrian Daub erklärt die philosophischen Wurzeln der digitalen Revolution.

    Das innovative Zentrum der digitalen Revolution ist seit mehr als 50 Jahren das sogenannte Silicon Valley. Warum wurde ausgerechnet dieses schmale Tal im Norden Kaliforniens zum Ausgangspunkt der wohl grössten technischen Revolution der Menschheitsgeschichte? Welche Utopien waren dabei leitend? Welche Philosophinnen und Philosophen prägend?

    Diesen Fragen geht der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub nach in seinem Buch «Was das Valley denken nennt. Über die Ideologie der Techbranche». Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger legt Daub die Geister frei, die Tech-Ikonen wie Elon Musk, Mark Zuckerberg und Peter Thiel ins Leben riefen – und damit unseren Lebensalltag auch in Zukunft entscheidend prägen werden.

  • Der freie Wille ist eine Illusion und die Seele ein blosses Produkt des Gehirns. Mit solchen Thesen rüttelt der renommierte Hirnforscher und Philosoph Gerhard Roth an unserem Menschenbild. Yves Bossart spricht mit ihm über unsere Freiheit, unser Bewusstsein und den Menschen als ein Stück Natur.

    Das Magazin «Cicero» nannte ihn den wichtigsten lebenden deutschsprachigen Naturwissenschaftler. Gerhard Roth ist Hirnforscher, Philosoph und Professor an der Universität Bremen. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den grossen Menschheitsfragen aus neurowissenschaftlicher Sicht: Wie frei sind wir wirklich? Wie hängen Gehirn und Geist zusammen? Warum bin ich, wie ich bin? In seinem aktuellen Buch «Über den Menschen» zieht der einflussreiche Forscher Bilanz und fordert ein neues Menschenbild, mit Konsequenzen für das Strafrecht ebenso wie für die Psychiatrie und die Bildung. Yves Bossart spricht mit dem streitbaren Denker über dessen Menschenbild und seine Folgen.