Afleveringen
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Warum erscheint Natur in modernen Gesellschaften häufig als etwas, das dem Menschen gegenübersteht?
In „Kapitalismus im Lebensnetz“ (2015) entwickelt Jason W. Moore eine grundlegende Kritik an der herkömmlichen Trennung zwischen Natur und Mensch/Gesellschaft. Dieser Dualismus, so Moore, verleitet uns dazu, Natur als etwas Externes zu begreifen: als passive Materie und Ressource, die es für ökonomische Zwecke zu klassifizieren, zu verwerten und – wenn es sein muss – auch zu zerstören gilt.
Doch der Mensch und die Gesellschaft sind der Natur nicht äußerlich, sondern immanenter Teil von ihr. Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte des Kapitalismus als untrennbar von der Geschichte der Natur begriffen und analysiert werden. Der Kapitalismus, so seine These, operiert schließlich nicht jenseits von Natur, sondern ist selbst eine Weise, (menschliche und nichtmenschliche) Natur zu organisieren.
Die Entstehung des Kapitalismus verortet Moore daher nicht primär in Fabriken oder Märkten, sondern in historischen Prozessen der Erschließung sogenannter „billiger Natur“: Arbeitskraft (und ihrer Reproduktion), Nahrung, Energie und Rohstoffe. Die Logik kapitalistischer Akkumulation habe zu den ökologischen Umwälzungen geführt, die heute in der Klimakatastrophe sichtbar werden.
Wer trägt also die Verantwortung für die ökologische Katastrophe: die Menschheit als Ganze oder eine spezifische Form gesellschaftlicher Organisation?
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Forstwissenschaftler Oliver Pye.
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Wie entstehen öffentliche Meinungen? Woraus setzt sich Öffentlichkeit zusammen? Und wie hat sich diese Sphäre über die Jahrhunderte verändert?
In „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert Jürgen Habermas den Aufstieg und Niedergang der sogenannten bürgerlichen Öffentlichkeit. Ihre Entstehung verortet er im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts: In Salons und Kaffeehäusern treten Privatpersonen erstmals zu einem „räsonierenden“ Publikum zusammen, um über Politik, Gesellschaft und Kultur zu diskutieren.
Doch mit dem Aufkommen der Massenmedien im 20. Jahrhundert – Radio, Fernsehen, Internet – erodiert diese bürgerliche Öffentlichkeit, die Habermas noch vom rationalen Prinzip des „besseren Arguments“ geleitet sah. Zunehmend bestimmen ökonomische Interessen gigantischer Medienkonzerne, wie Öffentlichkeit organisiert ist. Das räsonierende Publikum, so Habermas, wird zum konsumierenden Publikum.
Unter den Bedingungen des digitalen Kapitalismus und der Plattformisierung stellt sich erneut die Frage, wie sich die Struktur der Öffentlichkeit verändert. Soziale Medien verschieben dabei die Grenze zwischen ‚privat’ und ‚öffentlich‘ grundlegend: Inhalte können nun unmittelbar veröffentlicht und verbreitet werden, ohne zuvor die klassischen Filterinstanzen oder „Gatekeeper“ wie Zeitungsredaktionen und Medienhäuser zu durchlaufen.
Sind die Sozialen Medien von heute die Salons und Kaffeehäuser des 18. Jahrhunderts – neue Orte demokratischer Verständigung? Oder markieren sie vielmehr einen historischen Bruch, indem Öffentlichkeit nicht mehr primär die Funktion der Verständigung, sondern der Unterhaltung und zunehmend auch der Überwachung einnimmt?
In der neuen Folge unseres Theorie-Podcasts führt Alex Demirović in Habermas’ Strukturwandel der Öffentlichkeit ein und spricht mit dem Soziologen und Kommunikationswissenschaftler Sebastian Sevignani über die Aktualität des Werks.
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Zijn er afleveringen die ontbreken?
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Clara Zetkin hielt 1889 eine Rede in Paris zur Gründung der zweiten Internationale. Auf dieser Rede beruht ihr Text „Arbeiterinnen und Frauenfrage der Gegenwart“.
Zetkin analysiert darin die Entwicklung der Unterdrückung der Frauen: Über Jahrtausende lebten Frauen unter patriarchalen Verhältnissen als Hausarbeitssklavinnen. Mit der Entwicklung kapitalistischer Produktion werden Frauen aus dieser Position herausgerissen und kommen in die Lohnarbeit.
Dies sei zwar ein entscheidendes Moment auf dem Weg zur Emanzipation der Frauen, denn als Arbeiterinnen werden sie unabhängig von männlichen „Familienernährern“. Doch für die vollständige Befreiung aller Geschlechter brauche es den gemeinsam von proletarischen Frauen und Männern geführten Kampf gegen die Kapitalverhältnisse als solche.
Damit geht Zetkin über die Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung ihrer Zeit hinaus, die vor allem soziale und kulturelle Rechte einfordern, während Zetkin anstrebt, die kapitalistischen Produktions- und Reproduktionsverhältnisse zu überwinden. Denn im Kapitalismus – davon war Zetkin überzeugt – wird es für Frauen keine Emanzipation geben.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Christina Engelmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des DFG-Projekts „Clara Zetkins pädagogisches und bildungspolitisches Wirken in der Sowjetunion“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
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Ihr ökonomisches Hauptwerk „Die Akkumulation des Kapitals. Ein Beitrag zur ökonomischen Erklärung des Imperialismus“ verfasste Rosa Luxemburg im Jahr 1913 innerhalb von nur vier Monaten.
Darin knüpft sie an Karl Marx‘ Theorie der ursprünglichen Akkumulation an, deutet diese jedoch grundlegend anders: Nicht als abgeschlossenes Frühstadium des Kapitalismus, sondern als sein dauerhaftes Strukturmerkmal. Weil sich das Kapitalverhältnis nicht aus sich selbst heraus reproduzieren könne, unterliege es einem ständigen Expansionszwang. Das Kapital sei daher auf ein „nicht-kapitalistisches Außen“ angewiesen, das es sich aneignen und ausbeuten kann, um Mehrwert zu produzieren.
Kolonialismus und Imperialismus erscheinen bei Luxemburg somit nicht nur als politische Machtkonstellationen, sondern als ökonomische Notwendigkeit, die sie aus dem Expansionszwang des Kapitalismus ableitet. Das europäische Kapital müsse sich auf außereuropäische, nicht-kapitalistische Gebiete ausdehnen, um neue Märkte zu erschließen und diese in den kapitalistischen Wirtschaftskreislauf zu integrieren. Dabei komme dem Militarismus eine zentrale ökonomische Funktion zu: einerseits als Rüstungsindustrie und Absatzmarkt, andererseits als Mittel zur gewaltvollen Erschließung nicht-kapitalistischer Gebiete und Produktivkräfte.
Doch was passiert, wenn sich das Modell der Expansion irgendwann erschöpft; wenn alle gesellschaftlichen Sphären durchdrungen sind und keine Arbeitskraft, keine Natur, keine Ressourcen mehr außerhalb des kapitalistischen Weltmarkts existieren, die dem Kreislauf des Kapitals noch unterworfen werden können?
Mit dem Soziologen Klaus Dörre diskutiert Alex Demirović die historische wie aktuelle Relevanz von Luxemburgs Beitrag zur Theorie der Ausdehnung der kapitalistischen Ökonomie durch den Imperialismus.
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Mit ihrem Buch „Grenzen der Globalisierung“ prägten Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf in den 90er Jahren die Debatte innerhalb der Linken um die neuen Entwicklungen des Kapitalismus. Nach dem Zerfall der Sowjetunion standen neue Konstellationen in der Weltordnung bevor, so wie eine beschleunigte Ausbreitung des Kapitalismus auch in osteuropäischen Ländern.
Altvater und Mahnkopf heben in ihrer Analyse eine Reihe neuer Phänomene hervor – etwa die des entstehenden Finanzmarkts, der sich dank einer gigantischen Vermögenspolarisierung bildet. Dabei überschreiten die Zinsen der Vermögenden das Niveau des Wirtschaftswachstums. Es gibt also auf der einen Seite Vermögende, die von den Zinsen und Geldanlagen immer reicher werden, und auf der anderen Seite diejenigen, die diese Zinsen bedienen müssen, und zwar immer über die Höhe des Wirtschaftswachstums hinaus.
Die Finanzmärkte bringen somit keine Bereicherung der Gesamtheit, sondern zerstören systematisch die wirtschaftliche Grundlage vieler Menschen – und den Planeten. Denn die planetaren Ressourcen sind endlich und können mit der endlosen Wachstumsdynamik des Geldes nicht mithalten. So plädieren Altvater und Mahnkopf für eine soziale und solare Revolution, die die Dynamik der Kapitalakkumulation durchbricht.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge eine der beiden Autor*innen selbst: Birgit Mahnkopf.
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Anders als die anderen besprochenen Autor*innen des tl;dr-Podcasts, die an Marx oder die materialistische Tradition anknüpfen, geht es in dieser Folge um Thomas Paine – ein „radikaldemokratischer Reformer“ (E.P. Thompson) des 18. Jahrhunderts. Paine war sowohl an der Unabhängigkeit der heutigen USA beteiligt, als auch an der Französischen Revolution – wo er mit Robespierre und den Jakobinern in Konflikt geriet.
In seinem ungewöhnlich auflagenstarken Buch „Die Rechte des Menschen“ positionierte sich Thomas Paine bereits 1791 entschieden gegen die Monarchie und jegliche Art von Erbfolge im Bereich der Politik. Auch der Adel tue nach Paine nichts anderes, als sich Länder und Menschen durch Raub anzueignen – auch durch Steuern.
Während die USA in diesem Jahr den 250. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung feiern, drohen sie unter der Trump-Regierung in jene Machtkonzentration zurückzufallen, gegen die sich die Amerikaner*innen einst auflehnten. Die aktuellen „No Kings“-Proteste rufen in Erinnerung, was Paine bereits vor 250 Jahren proklamierte.
Paine plädierte dafür, dass das Volk der Souverän sein muss. In dieser Auffassung unterscheidet Paine sich von Montesquieu und dessen Forderung nach Gewaltenteilung. Es brauche demnach keine Trennung von Exekutive und Legislative und auch kein Zwei-Kammern-System, sondern allein die Durchsetzung der Volkssouveränität.
Ein Parlament darf nach Paine nicht die Partikularinteressen einiger weniger vertreten, sondern muss der Volkssouveränität folgen und für das Glück aller sorgen. Damit einher geht auch, dass Institutionen und Verfassungen immer überprüft und verändert werden können, genau genommen sogar von jeder Generation von neuem.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Axel Rüdiger, Lehrbeauftragter an der FU Berlin für u.a. politische Theorie und Ideengeschichte.
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Mit „Das Recht auf Faulheit“ hat Paul Lafargue, Schwiegersohn von Karl Marx, ein provokantes Pamphlet geschrieben. In dem kurzen Buch hinterfragt er ironisch die Tradition der Arbeiterklasse und deren Forderung nach Recht auf Arbeit. Gewissermaßen geht das Proletariat mit dieser Forderung der genussfeindlichen Bourgeoisie auf den Leim, so Lafargue: Es lässt sich von Moralisten und Ökonomen verführen, die behaupten, es brauche Wachstum.
Dabei macht die körperliche Arbeit und hohe Produktivität nicht nur krank und senkt die Lebenserwartung. Sie führt darüber hinaus auch zu einer Überproduktion von Konsumgütern – die Kapitaleigentümer müssen immer neue Märkte und Bedürfnisse erschaffen oder Finanzmarkt-Akteure suchen, um das überschüssige Kapital loszuwerden.
Lafargue plädiert dagegen für eine völlig neue Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, wo es all das nicht braucht. Statt Millionen von Menschen in Bediensteten-Beschäftigungen oder in unnützen Institutionen wie Polizei und Militär zu halten, will er die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf alle diese Menschen verteilen, und den Arbeitstag für alle Menschen auf 3 Stunden reduzieren. An solchen Arbeitstagen ist dann noch genug Zeit für Genuss, Sport, geistige Betätigung menschliche Beziehungen – oder einfach Faulheit.
Auch die Maschine spielt bei dieser Emanzipation eine wichtige Rolle, da sie hochproduktiv ist und die körperliche Arbeit erleichtert. Damit sie das aber wirklich tut, statt den Produktionszwang immer weiter zu erhöhen, müssen die Arbeiter*innen sich die Technologie aneignen und wirklich zu ihren Gunsten nutzen.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Soziologe Stephan Lessenich.
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Die Schriftstellerin, Aktivistin und Philosophin Angela Davis wurde in den 1970er Jahren zur Ikone der Black-Power-Bewegung. Heute zählt sie zu den wichtigsten Vertreter*innen des Abolitionismus – eine Bewegung, die sich für die Überwindung staatlicher Gewaltinstitutionen einsetzt, wie sie etwa in Form von Gefängnissen oder der Polizei bestehen.
In „Are Prisons obsolete?“ (2003), dt. „Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse?“, argumentiert Davis, dass das Gefängnis weder natürlich noch notwendig sei, sondern das Produkt einer rassistischen, klassenbasierten und patriarchalen Gesellschaft. Sie prägt den Begriff des industriellen Gefängniskomplex („Prison Industrial Complex“), um die Komplizenschaft des Gefängniswesens mit dem kapitalistischen Ausbeutungs- und Herrschaftssystem zu beschreiben.
Wie anderen Abolitionist*innen geht es Davis nicht nur um die langfristige Abschaffung von Gefängnissen, sondern um eine radikale Transformation der kapitalistischen Lebensbedingungen, die Armut und Kriminalität systematisch reproduzieren. Ebenso wichtig ist daher der Aufbau von „Caring Communitys“ und Infrastrukturen zur Prävention von Armut, Kriminalität und Gewalt.
Zu Gast in der 55. Folge unseres Theorie-Podcasts ist die Sozialwissenschaftlerin Vanessa E. Thompson, die gemeinsam mit Daniel Loick den Abolitionismus-Reader (Suhrkamp) herausgegeben hat. Sie lehrt an der Queen´s University in Ontario/Kanada.
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Mao Tse-tung prägte die europäische Linke in den 60er und 70er Jahren weitreichend. Angesichts der heutigen Erkenntnisse über ihn und die Auswirkungen seiner Politik, stellt sich die Frage, ob und wie man seine Schriften heute noch lesen kann.
Berühmt in der Rezeption sind bis heute Maos Ausführungen zu Haupt- und Nebenwiderspruch. Dabei wurde ihm oft vorgeworfen, viele Widersprüche - und somit gesellschaftlichen Kämpfe - auf einen Nebenwiderspruch zu reduzieren und damit wegzuwischen.
Tatsächlich besagt seine Theorie aber, dass der Hauptwiderspruch nicht von vornherein festgelegt ist. Zwar betrachtet er etwa Proletariat und Bourgeoisie als einen führenden Hauptwiderspruch. Es kann durch Bewegungen jedoch zu einer Verlagerung kommen, sodass ein anderer Widerspruch zum Hauptwiderspruch wird und den anderen überlagert.
Eine solche Verschiebung von Widersprüchen nimmt auch Louis Althusser in seiner Analyse der russischen Revolution auf. Die Gegensätze – Lohnarbeit und Kapital, Kleinbauern und Großbauern, Großbauern und Adel, usw. – überlagern sich. Der Kampf der Kleinbauern wird dann der Signifikant, in dem sich die ganzen anderen Widersprüche verdichten. In ähnlicher Weise ließe sich auch intersektionales Denken von heute verstehen.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Sinologe und Mao-Experte Felix Wemheuer. Er ist Professor für moderne Chinastudien an der Universität Köln.
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In «Konterrevolution und Revolte» von 1972 beschreibt Herbert Marcuse, wie die westlichen Staaten nach den 68er-Protesten mit einer Konterrevolution reagierten, um das kapitalistische System zu restabilisieren. Politische Repression und das Versprechen von Wohlstand wirkten dabei zusammen – nicht nur Unterdrückung, sondern auch die ideologische Integration der Arbeiter*innenklasse in die «Konsumgesellschaft» machte Widerstand zunehmend unwahrscheinlicher, indem jegliches revolutionäres Potenzial in Konsumbedürfnisse umgelenkt und durch das Versprechen ökonomischen Aufstiegs innerhalb der bestehenden Ordnung befriedigt werden sollte.
Gleichzeitig macht Marcuse auf die Keimformen einer neuen Revolte aufmerksam. Diese entspringe weniger der traditionellen Arbeiterklasse, sondern anderer gesellschaftlicher Randgruppen: Studierenden, Frauen, People of Color, ökologischen und antiimperialistischen Bewegungen. In ihrer Revolte zeige sich nicht nur politischer Protest, sondern auch ein kulturelles Aufbrechen bestehender Lebensweisen, etwa in der Sexualität, in der Kunst und in Alltagspraktiken. Damit werde ein Feld eröffnet, in dem andere Bedürfnisse, andere Formen des Zusammenlebens und andere Freiheiten sichtbar werden, die der Konsum nicht zu erfüllen vermag.
Wie kann in einer Gesellschaft, die durch inhärenten Konsumzwang die Bedürfnisse der Subjekte vereinnahmt und ihre Fantasien formt, ein revolutionäres Begehren entstehen? Ist die Revolte marginaler Gruppen der Anfang einer neuen politischen Praxis oder nur ein kulturelles Störgeräusch, das allmählich vom System absorbiert wird? Und wie ist Marcuses Diagnose heute zu lesen – in einer Zeit, in der gesellschaftliche Errungenschaften von konservativen und rechten Akteur*innen massiv angegriffen werden?
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Im ersten Band des Kapitals hat Karl Marx den Produktionsprozess des Kapitals dargelegt. In dem viel weniger gelesenen Band II geht es um den Zirkulationsprozess des Kapitals. Das Kapital ist in einer kreislaufförmigen Metamorphose: Geldkapital wird vom Kapitaleigentümer in Ware umgetauscht, die ihm wiederum als Produktionsmittel dient. Die Produktionsmittel wiederum dienen zur Herstellung der Ware, und die Ware wird ihrerseits wieder zu Geld, wenn sie verkauft wird, sodass der Kreislauf von vorne beginnt. Am Ende dieses Kreislaufs, der an jedem Punkt Anfang und Ende ist und den der Kapitaleigentümer immer weiter fortsetzt, bekommt er mehr Geld und mehr Ware, als er vorher in den Kreislauf hineingegeben hat – es entsteht ein Mehrwert.
Allerdings kommt es in diesen Metamorphosen immer wieder zu Stockungen: Etwa, wenn der Kapitaleigentümer nicht genug Rohstoffe oder Arbeitskräfte findet, wenn es Streik gibt oder wenn die Waren an Wert verlieren oder es nicht genug Abnehmer gibt. Das Geld bleibt dann «unproduktiv», was zur Schatzbildung führt. Das Krisenhafte gehört zur Durchschnittsbewegung dieser Kreisläufe. Ohne explizit eine krisentheoretische Überlegung zu machen, wird das inhärent Krisenhafte des Kapitalismus hier zumindest angedeutet.
Im zweiten Teil des Buchs legt Marx den Unterschied zwischen fixem und zirkulierendem Kapital dar, im dritten Teil geht es um die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Auch in diesen Kreisläufen gibt es Stockungen und Krisen.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Sendung Christian Schmidt, Autor von Marx zur Einführung, der an der Humboldt Universität zu Berlin lehrt und forscht. -
Mit dem Begriff der «Gouvernementalität» bezeichnet Foucault eine spezifische Regierungsweise in der westlichen Spätmoderne, die Macht nicht in erster Linie über Verbote, Gewalt und Sanktionen ausübt, sondern durch «produktive Techniken» – beispielsweise durch die Disziplinierung und Normierung von Körpern, Subjekten, Wissen und Diskursen. Das «Individuum» wird dabei in seine kleinsten Bestandteile und Bewegungsabläufe zerlegt und somit zum Gegenstand einer «Biopolitik», in der das Leben selbst Einzug in das Regieren erhält.
Wie übertragen sich staatliche Regierungsweisen auf Subjektivierungsweisen des Selbst? Ist Freiheit eine Zumutung? Inwiefern ist Foucault Vordenker heutiger Bewegungen, die als identitätspolitisch gelten? Und hat der späte Foucault tatsächlich mit dem Neoliberalismus sympathisiert, wie ihm zuweilen vorgeworfen wird?
In der neuen Folge unseres Theorie-Podcasts führt Alex Demirović in Foucaults Konzept der Gouvernementalität ein und spricht mit Isabell Lorey, Politikwissenschaftlerin und Professorin für Queer Studies in Künsten und Wissenschaft an der Kunsthochschule für Medien Köln, über die Aktualität seines Denkens. -
Roland Barthes’ «Mythen des Alltags» beschreibt, wie alltägliche Phänomene und Medienbotschaften als Mythen wirken. Sie lassen menschengemachte, historisch gewachsene Bedeutungen als natürliche, unveränderliche Tatsachen erscheinen. So werden gesellschaftliche Ideologien verschleiert und legitimiert.
Das Buch versammelt 53 Analysen von Mythen, die Barthes charakteristisch für das alltägliche Leben in Frankreich hält: Wrestling, Tour de France, Wein, Kochen, Reiseführer, Werbung, Arbeiterklasse in den Filmen Charlie Chaplins, Hochzeitsfeiern, das Design von Autos. Barthes versteht sich als Mythologe. Er liest die Mythen als Teil eines umfassenden Zeichensystems und schlägt vor, den Mythos als eine Sprache, eine Rede zu begreifen. Sie kann alles in Mythos verwandeln: die Mathematik ebenso wie das Gehirn Albert Einsteins. Die Mythen sind eine Praxis der Bourgeoisie, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ent-nennen und sie in vermeintliche Natur zu verkehren. Barthes will seine Analyse der «Alltagsmythen» als eine semiologische Demontage der Massenkultur verstanden wissen und als Ideologiekritik. Dabei reicht ihm ein bloßes Anprangern der Ideologie jedoch nicht, die Mythen verhüllen nicht, sie sagen alles und sie reden zu viel. Barthes will mit den Mitteln der Zeichentheorie erfassen, wie Mythen und Ideologeme konstruiert werden, wie also die Klassenkultur des Bürgertums in die universelle Kultur eines «ewigen Menschen» verwandelt wird. Barthes‘ Analysen zielen auf eine Semioklastik überzugehen, also ein Sturm auf die herrschende Produktion von Sinn und Bedeutung und deren Zerstörung. Den Mythen stellt er eine Form von Diskursen entgegen, die nah an der gesellschaftlichen Arbeit die Bedeutung des Realen erzeugen können.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge die Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Eva Geulen. -
Wie lässt sich aus der Krise der Marktordnung in den 1920er Jahren die Entstehung des Faschismus verstehen? Der Ökonom Karl Polanyi geht im Exil 1944 auf Spurensuche: Er sieht die Ursache in der großen Umwälzung im Marktsystem und die von ihm bestimmte Marktgesellschaft. Sie machen aus Arbeit, Boden und Geld „fiktive Waren“ und verfolgen mit staatlichen Mitteln die Utopie des selbstregulierenden Marktes. Alles soll auf der Basis von Angebot und Nachfrage gehandelt werden. Die Menschen werden sozial desintegriert. Das Bürgertum ist mit den Tatsachen des Arbeitsmarktes und des Weltmarktes konfrontiert und kann diese Prozesse nicht beherrschen. Es kommt zu Krisen und Sackgassen. Dies führt zu einer «Doppelbewegung», einer Suche nach Alternativen. Die Lösungen, die das Bürgertum dafür erfindet, führen nach dem Ersten Weltkrieg und mit dem Faschismus zur Zerstörung der Zivilisation. Polanyi will verhindern, dass nach dem Zweiten Weltkrieg das ganze Unheil noch einmal beginnen würde. Er plädiert für einen Sozialismus, der Arbeit, Boden und Geld demokratisch kontrolliert und dem Markt entzieht.
Im Gespräch mit Alex Demirović ist Claus Thomasberger, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftspolitik an der HTW, Vorstandsmitglied der Karl Polanyi Gesellschaft und Autor vieler Texte zu Polanyi. -
»Ich halte nichts von Mitleid, das sich nur in Hilfsbereitschaft und nicht auch in Zorn verwandelt.« Schreibt Brecht in seinem unvollendeten Buch der Wendungen, das posthum 1965 erschien. Brecht reflektiert dabei unter Rückgriff auf fernöstliche Anekdoten seine philosophische Methode der Dialektik. Diese «große Methode» dient ihm zur Analyse der Gesellschaft. Die Klassiker des Marxismus tauchen nur wenig chiffriert auf und Brecht versucht die Kämpfe und Niederlagen des Sozialismus zum Ausgangspunkt einer dialektischen Erneuerung der «großen Ordnung» produktiv zu machen.
«Denken wird definiert, als etwas, das dem Handeln vorausgeht», schreibt der ehemalige Professor für Philosophie Wolfgang Fritz Haug zur Grundlage des Herangehens von Brecht. Das Buch ist der Versuch, für den Marxismus eine Verhaltenslehre zu entwickeln. Wie sollen Menschen denken und sich verhalten, um zu einer freien Gesellschaft zu gelangen? Welche Art von Tugenden sollen sie dann leben, wenn alles leicht, gerecht, frei zugeht?
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Wolfgang Fritz Haug. Der 1936 geborene Haug war bis 2001 Professor für Philosophie an der FU Berlin. Neben zahlreichen Klassikern der marxistischen Debatte der letzten Jahrzehnte und der Herausgeberschaft von «Das Argument» lieferte er auch viele Beiträge zur philosophischen Bedeutung von Bertolt Brecht, z.B. «Philosophieren mit Brecht und Gramsci». -
Simone de Beauvoirs 1949 erstmals veröffentlichtes Werk gilt als Manifest der neuen Frauenbewegung. Es behandelt nicht nur – wie der klassische Feminismus – die rechtliche und politische Gleichstellung, also das Wahlrecht für Frauen oder gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. Ihre zentrale These lautet: Frauen gibt es nicht – sie werden dazu gemacht.
Beauvoir ist überzeugt von der grundlegenden Freiheit der Menschen. Sie können aus der Immanenz ihres Körpers oder gesellschaftlicher Verhältnisse heraustreten und aktiv in eine offene Zukunft handeln. Doch während Männern dies unter den bestehenden Verhältnissen weithin ermöglicht wird, bleibt es Frauen oft verwehrt. Dabei werden auch die spezifischen körperlichen Merkmale des weiblichen und männlichen Körpers als Mittel geschlechtlicher Herrschaft instrumentalisiert. Frauen wird der Zugang zu ihrem eigenen Körper, ihrem Begehren, ihrer Lust und damit zu ihrer Autonomie verstellt. Männer setzen sich selbst als Maßstab, als Norm. Frauen hingegen gelten als das "andere", als das bloß zweite Geschlecht – als eines des Mangels.
Die männliche Norm prägt sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Frauen werden zur Unterordnung erzogen und von ihrem Körper entfremdet, der als unrein und schwach gilt. Ihre Selbstbestimmung wird systematisch verhindert. Sie sollen sich selbst zum Objekt, zur Beute der Männer machen. Das vorherrschende Verständnis des Verhältnisses der Geschlechter beschreibt Beauvoir als eines des Kampfes.
Dem setzt sie jedoch eine andere Vision entgegen: die Überwindung von Weiblichkeit und Familie. Sie plädiert für eine Gesellschaft, in der Gleichheit die Grundlage bildet, Unterschiede aber dennoch zur Geltung kommen können. Das männlich dominierte, kriegerische und instrumentelle Modell des Geschlechterverhältnisses soll durch eines der Wechselseitigkeit ersetzt werden.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge die Geschlechtertheoretikerin Andrea Maihofer. -
In seinem 1937 im Exil erschienen Buch «Propaganda als Waffe» beschreibt und analysiert Willi Münzenberg, einer der Gründer der KPD und großer Verleger, zahlreiche Propagandatechniken der nationalsozialistischen Machthaber.
Der Nationalsozialismus (NS) benutze die Propaganda wie eine Waffe, ihrer Wirkung werde alles untergeordnet. Es gehe darum, Masse und Gefolgschaft hinter einer kleinen Gruppe von Organisatoren und Führern zusammenzubringen. Die Versammlungen, die terroristische Gewalt der Stoßtrupps, die Rituale mit Fackeln und Fahnenaufmärschen zielten darauf, Eindrücke der Macht zu vermitteln, das Denken auszuschalten und Widerworte zu verhindern. Die Propaganda der Nazis besteht aus einer Vielzahl von Einzeltechniken, von denen einige schon im Ersten Weltkrieg, dann von der Reichswehr, ausgearbeitet wurde. Eine dieser Techniken ist die Lüge in großem Stil, so dass niemand glauben mag, dass jemand wirklich so dreist lügen könnte. Alles immer wieder und auf einfachstem Niveau zu wiederholen gehört ebenfalls zu diesen Techniken. Einer weiteren Technik hat sich die AfD-Politikerin Alice Weidel bedient, als sie im Gespräch mit dem rechten Milliardär Elon Musk behauptete, Hitler sei Kommunist gewesen. Der NS-Diktator sah Propaganda als Mittel, Verwirrung zu stiften. Möglichst weit auseinanderliegende Begriffe oder Sachverhalte sollen sinnlos miteinander kombiniert werden, so dass die Menschen gar nicht lernen, logische Beziehungen zu erkennen und zu verstehen.
Münzenberg nahm an, dass die NS-Propaganda an sich selbst scheitern werde. Die Menschen erfuhren, dass die vielen Versprechungen, die der Nationalsozialismus gab - Frieden, Überwindung der Krise, neue Demokratie, Aussöhnung der Klassen, Sozialismus - nicht eingehalten wurden. Alle erwiesen sich als leere Slogans, als Mittel der Propaganda. Die Propaganda würde daran scheitern, dass sie, so die Erwartung Münzenbergs, zu viel verspreche, zu viel lüge. Die Wahrheit würde sich durchsetzen. Aber die Linke, so Münzenbergs Forderung, solle kein Vakuum entstehen lassen. Die Kunst der Propaganda müsse die Linke sich aneignen und eine Gegenpropaganda beginnen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Während die NS-Propaganda im Kern inhaltslos ist und nur auf nihilistische Macht und Gewaltherrschaft abzielt, erwartet Münzenberg von einer linken Propaganda, dass sie die Menschen aufklärt, zu eigenständigem Denken anregt und zu unabhängigen Akteuren macht.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge die Historikerin Brigitte Studer. -
Ein ganzes Leben hat Sohn-Rethel diesem Buch gewidmet. Es ist sein Versuch, die gesamte Philosophie und die mathematisierten Naturwissenschaften marxistisch zu erklären. Kritisch bemängelt er, dass Marx nicht radikal genug gewesen sei und bei der Kritik der politischen Ökonomie stehen geblieben sei, anstatt bis zur Kritik der Erkenntnistheorie vorzudringen. Seine These: Marxisten seien materialistisch in der politischen Ökonomie, aber idealistisch im Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Für den Kommunismus bedeutet das, dass die mathematisierten Technikwissenschaften mit ihren allgemeinen Gesetzen das Zusammenleben bestimmen würden. Sohn-Rethel zweifelte nicht an der Gültigkeit der Naturwissenschaften, wollte sie jedoch der selbstbestimmten Gesellschaft unterordnen.
Sohn-Rethels Projekt war ehrgeizig: Kants Ansatz, reine vernünftige Kategorien zu bestimmen, sollte durch die Analyse der Warenform ersetzt werden. Die Warenform, so Sohn-Rethel, könne die Denkformen erklären. Diese Denkformen basieren auf der Abstraktion von konkreter körperlichen Arbeit, die sich im Warentausch vollzieht. Das führt zur jahrtausendelangen Spaltung von geistiger und körperlicher Arbeit. Sozialismus, so Sohn-Rethel, könne nur gelingen, wenn beide wieder zu einer Einheit zusammengeführt werden. Sein Ziel war es, die konkreten materiellen Bedingungen zu bestimmen, die diese Einheit auf dem hohen Niveau vergesellschafteter und verwissenschaftlichter Arbeit herstellen können.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge der Autor Frank Engster. -
Wirtschaftsdemokratie: Naphtalis Vision eines sozialistischen Gemeinwesens
Sozialismus braucht Demokratie – nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Fritz Naphtali fordert in seiner Schrift «Wirtschaftsdemokratie», dass die parlamentarische Demokratie, die dem Bürgertum von der Arbeiterbewegung abgerungen wurde, unvollendet ist und durch Wirtschaftsdemokratie ergänzt werden muss. Seiner Ansicht nach soll nicht mehr das Kapitaleigentum über das Schicksal des Gemeinwesens entscheiden. Für Naphtali bedeutet Sozialismus, dass auch die Wirtschaft Teil des Gemeinwesens wird und ökonomische Prozesse planvoll gestaltet werden können – mit gleichberechtigter Teilhabe aller. Dabei zeigt sich, dass schon jetzt relevante Veränderungen stattfinden. Deshalb ist es möglich, nicht auf eine letzte Stunde der Entwicklung zu warten, sondern den Kapitalismus zu biegen, bevor er einmal durch grundlegende Veränderungen der Eigentumsverhältnisse gebrochen wird.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Hans-Jürgen Urban. Er ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall und Honorarprofessor für Soziologie an der Universität Jena. -
Propaganda und Gewalt sind wesentliche Merkmale faschistischer Politik. In dem Text «falsche Propheten» analysiert Leo Löwenthal die rhetorischen Techniken, die Agitatoren in ihren Texten, Flugblättern oder Reden verwenden. Löwenthal war einer der Mitbegründer der «Kritischen Theorie» und Kommunikationsforscher. In dem Klassiker der politischen Psychologie untersucht er in den USA der 1940er Jahre die Rolle des «Agitators». Dieser verbreitet Verschwörungstheorien und «fakenews» und unternimmt gegenüber seinem Publikum eine Feindmarkierung von Linken, Politikern und Jüdinnen und Juden als Sündenböcke der gesellschaftlichen Krise. Der «Agitator» arbeitet auf die Verdummung der Bevölkerung hin und lenkt damit von den tatsächlichen Problemen der Gesellschaft ab. Löwenthal betrachtet dies als «Generalprobe fürs Pogrom».
Die untersuchten Materialien sind nicht nur eine historisch interessante Forschung zu rechter Ideologie, sondern brandaktuell. Wer heute Rechte reden hört, wer sich in den Sozialen Medien umschaut, den springt die Aktualität dieser Untersuchung geradezu an.
Zu Gast bei Alex Demirović ist in dieser Folge Simon Strick. Er arbeitet am ZeM - Brandenburgisches Zentrum für Medienwissenschaften und hat zuletzt das Buch «Rechte Gefühle. Affekte und Strategien des digitalen Faschismus» veröffentlicht. - Laat meer zien